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EBSW - Wort auf den Weg 1/2015

Liebe Mitglieder und Freunde des EBSW!

Am 21. Januar war der 200. Todestag von Matthias Claudius. Vielleicht kennen Sie diesen evangelischen Dichter durch das bekannte Abendlied:

„Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.“

Ist dieses Lied nur für sehende Menschen gedacht? Es beschreibt ja zunächst die stille Schönheit eines Abends irgendwo im Wald.

Doch wenn man in die weiteren Strophen hineinhört, wird klar, dass es Claudius um etwas ging, was für die Augen unsichtbar ist.

In der zweiten Strophe:

„Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold.
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt“,

geht es schon um eine Stille, die er damals noch wirklich wahrnehmen konnte. Kein Telefon klingelte. Radios, Fernseher oder Computer gab es nicht. Auch keine Flugzeuge. Es war wirklich still – und er empfand diese Stille wohltuend.

Doch aus der Stille heraus richtete sich sein Gedicht von dem sinnlich Wahrnehmbaren auf etwas, was nur anders wahrgenommen werden kann. In der dritten Strophe heißt es:

„Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.“

In der vierten Strophe bittet er darum das Vollkommene hinter dem Unvollkommenen entdecken zu können:

„Gott lass dein Heil uns schauen.
Auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun.
Lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.“

„Lass dein Heil uns schauen“ Mit den Augen geht das nicht, aber mit dem Herzen und mit dem Wahrnehmungssinn, der Sehnsucht heißt.

Ich glaube, dass er diese Sehnsucht nach dem Schauen des Wesentlichen nicht zufällig in ein Abendlied hineingedichtet hat. Auch wenn wir schlafen, schauen die Augen der Seele weiter und halten Ausschau nach etwas, was uns hilft, die Schwere des Lebens leicht werden zu lassen.

Es muss nicht der Himmel sein, in den er in der sechsten Strophe nach dem Tod aufgenommen werden will. Es kann auch die Ruhe sein, die nur Gott uns schenken kann. Und um zu dieser Ruhe zu kommen, legt er nicht nur sich in Gottes Hand, sondern auch das Belastende und Unabänderliche im Leben. Er drückt es mit „dem kranken Nachbarn“ aus:

„So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder.
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.“

Von der Stille der Welt führt uns dieses Gedicht hin zur Ruhe der Nacht – einer Ruhe, die uns das Vertrauen auf Gottes Heil schenken kann.

Jetzt im Frühling erwachen ja viele Sinne. Sie werden neu angesprochen – und das ist schön. Endlich wieder können wir ohne Angst vor dem Glatteis leben. Erwacht auch dieser Sinn der Herzenssehnsucht nach dem Heil Gottes, das hinter allem unverlierbar steht?

Naturdichter wie Matthias Claudius gelangen von der Betrachtung der Natur mit einem leichten Schritt in das Umschreiben des Heils, das noch dahinter liegt, hinein.

Ich wünsche Ihnen sichere und schöne Schritte in der neu erwachenden Natur. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen auch dieser Schritt hinein ins Schauen des Heils Gottes geschenkt wird.

Pfarrer Stefan Itzek, Bad Wildbad

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© 2014 by EBSW | Zuletzt geändert am: 9.1.2018