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EBSW - Fachtag am 7. April 2017

Und dennoch ...! Umgang mit dem Verlust von persönlicher Autonomie bei Sehbehinderung oder Blindheit

Ein Fachtag des EBSW am 7. April 2017 im Hospitalhof, Stuttgart

Eine Minderung der Sehfähigkeit bedeutet für betroffene Menschen nicht nur, dass Vieles optisch nur noch eingeschränkt und undeutlich wahrgenommen werden kann. Die Auswirkungen auf das Selbstbild sind gravierend. Da stellen sich Fragen wie:

Neben der Akzeptanz des schwindenden Sehvermögens gehört das Überwinden der Angst vor dem Verlust der persönlichen Autonomie zweifellos zu den schwierigsten Bewältigungsschritten. Es wird zunehmend wichtig, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen. Gleichzeitig kommt es darauf an, verbliebene Fähigkeiten zu erkennen und zu nutzen. Für Angehörige, Freunde, Begleitpersonen usw. ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie von sich aus Hilfe anbieten oder die Bitte um Unterstützung abwarten sollen.

Anhand dreier Referate haben wir dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Es sprachen:

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Universität Heidelberg
Seelische Auswirkungen von Sehbehinderung und Blindheit – Verlust der persönlichen Autonomie,
Pfarrer Jürgen Schwarz, Unterweissach / Stuttgart
Siehst Du mich, Gott? – Theologische Aspekte und Möglichkeiten der Seelsorge,
Renate Heider-Braun, Studienrätin, selbst blind, „Blickpunkt Auge“
Und dennoch ...! – Lebenspraktische Bewältigungsstrategien.

Dr. Ernst Worbs, Kornwestheim, hat in dem nachstehenden Bericht die wichtigsten Aspekte für uns zusammengefasst:

„Und dennoch …!“
Fachtag des EBSW am 7. April 2017

Der Evangelische Blinden- und Sehbehindertendienst Württemberg e.V. (EBSW) erinnerte am 7. April 2017 an sein 60. Gründungsjahr mit einer Fachtagung im Stuttgarter Hospitalhof. Die Fachtagung fand erstmalig statt und war auf Anregung der zweiten Vorsitzenden des EBSW, Dorothee Hahn, zustande gekommen. Sie stand unter dem Thema „Und dennoch – Umgang mit dem Verlust von persönlicher Autonomie“.

Der erste Vorsitzende Pfarrer Manfred Bittighofer begrüßte die rund 160 Anwesenden, dankte dem Vorbereitungsteam, den Förderern und Freunden und stellte die Veranstaltung unter das Motto: „Gott verliert uns nicht aus den Augen“.

Eva Maria Armbruster, stellvertretende Vorsitzende des Diakonischen Werks in Württemberg, erzählte von den Anfängen und der Geschichte des EBSW: 1957 schrieben Pfarrer Gerhard Kumpf und Diakonisse Pauline Blessing 1500 blinde Personen an und gewannen die meisten für den Verein, der dann als „Christlicher Blindendienst“ seine Tätigkeit mit Bibelfreizeiten und persönlicher Beratung aufnahm. 1958 fand in Stuttgart mit über 200 Teilnehmern der erste Blindentag statt. Heute stehen etwa 2000 Menschen im Kontakt mit dem EBSW. Mit vier Hauptamtlichen in der Backnanger Geschäftsstelle, 30 beauftragten Geistlichen in den Kirchenbezirken und über 80 Ehrenamtlichen bietet der Verein Veranstaltungen, Beratung und Seelsorge an. Frau Armbruster wünschte ihm im Namen des Diakonischen Werks „Fruchtbaren Boden, Blühen und Gedeihen“.

In ihrem Grußwort wies Dorothee Hahn darauf hin, dass ungefähr zwei Drittel der Anwesenden vom Verlust der persönlichen Autonomie direkt oder indirekt betroffen sind.

Referat Prof. Andreas Kruse

Prof. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, referierte über „Seelische Auswirkungen von Sehbehinderung und Blindheit – Verlust der persönlichen Autonomie“. Er betonte, dass sowohl beim Nachlassen und Verlieren der Sehfähigkeit als auch beim Altern es nicht mehr angebracht ist, von „Abbau“ der Fähigkeiten des Menschen zu reden, sondern der Begriff des Zunehmens der Verletzlichkeit angemessen sei. Diese Betrachtungsweise führe dahin, dass die Betroffenen ihre Lage positiver sehen könnten und eigene Kräfte in körperlicher, seelischer, intellektueller und sozialer Hinsicht aktivieren.

Es beginne ein Reifungsprozess, und der erhöhe die Widerstandsfähigkeit – Resilienz – gegenüber der Verletzlichkeit. Ihn zu unterstützen, sei Aufgabe der Therapie und Beratung. Zum Entwickeln der Resilienz gehöre es, Dinge zu tun, die Freude machen, Engagements einzugehen, menschliche Bindungen zu pflegen, im Glauben und in der Natur Ruhe und Gelassenheit zu finden. Die Resilienz würde auch dadurch gestärkt, dass man nach den Faktoren fragt, welche die Verletzlichkeit in Verlustsituationen begünstigen, etwa ungeeignete Wohnverhältnisse oder fehlende Freunde, und sich dann neu orientiert.

Schließlich führte Kruse aus, dass die Widerstandsfähigkeit durch beständige Rehabilitation gepflegt werden müsse. Dies betreffe Orientierungs- und Mobilitätstechniken sowie informationstechnisch gestützte Kommunikation. Er erhob hier die Forderung an die Krankenkassen, die Notwendigkeit permanenter Rehabilitation anzuerkennen.

In der Diskussion hoben die Teilnehmenden hervor, wie wichtig das Dazugehören sei.

Referat Pfarrer Jürgen Schwarz

Pfarrer Jürgen Schwarz, Unterweissach, erläuterte anhand von biblischen Erzählungen, dass das Licht der Schöpfung identisch mit dem von Gott geschenkten Leben sei. Am Beispiel Hagars, der Sklavin und zweiten Ehefrau Abrahams, zeigte er, dass ein Mensch den unsichtbaren Gott dann „sieht“, wenn er sich von Gott gesehen und umsorgt weiß.

Auf Fragen, wie ein Seelsorger auf den Menschen eingehen soll, der sich von Gott übersehen fühle, empfahl er, ein offenes Ohr für das Leid des Betroffenen zu haben und Begleitung anzubieten.

Referat Renate Heider-Braun

Renate Heider-Braun, selbst blind und Beraterin bei der Aktion „Blickpunkt Auge“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, befasste sich unter dem Motto „Und dennoch …“ mit lebenspraktischen Bewältigungsstrategien bei Autonomieverlust. Zunächst fragte sie ins Publikum, was unter „Autonomie“ zu verstehen sei. Die Antworten betonten, dass es darum ginge, in gegenseitigem Respekt einander möglichst große Räume für eigenständige Entscheidungen zu eröffnen, wobei die Frage „Wo brauche ich Hilfe und wo nicht“ eine große Rolle spiele.

Die Referentin stellte sodann dar, wie wichtig es für Eltern und Angehörige von behinderten Kindern und Jugendlichen sei, diese nicht über ihre Behinderung zu definieren, sondern in ihnen vollwertige Menschen zu sehen und ihnen zu ermöglichen, die eigenen Begabungen zu leben. Dem stünde häufig die in der Gesellschaft weitgehend negativ besetzte Wahrnehmung des Wortes „blind“ entgegen, was sich an Redewendungen wie „blindes Vertrauen“ oder „blinde Wut“ zeige. Dies komme von der Angst erregenden Vorstellung, dass Blinde in ewigem Dunkel lebten.

Das Blindwerden verlaufe bei älteren Menschen in vier Phasen:

  1. Verdrängen und nach Sehhilfen suchen,
  2. Schockphase und kämpfend Gegenmaßnahmen versuchen,
  3. Trauer und Abschied vom Sehen nehmen,
  4. das Blindsein akzeptieren und die eigene Persönlichkeit mit ihren Fähigkeiten neu entwickeln.

Sie illustrierte dieses Schema mit Fallbeispielen aus der Beratung. Es komme vor allem darauf an, die kräftezehrende Phase des „Kämpfens“ zu verkürzen, indem die beratende Person den Betroffenen einfühlsam auf seine Ressourcen aufmerksam macht.

Am Ende der Fachtagung waren sich die Beteiligten einig, dass die Veranstaltung gut organisiert und hilfreich war, und wünschten sich Wiederholungen.

Dr. Ernst Worbs

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© 2014 by EBSW | Zuletzt geändert am: 8.7.2018